Klaus-Peter Fütterer

Immer wieder aufstehen!

Lions sprechen über „neue Lebensläufe“ und luden dazu hochinteressante Gäste ins Essener Unperfekthaus ein

Bildunterschrift: Impression des Clubabends im Essener Unperfekthaus.

Das war schon der passende Ort, für das Thema und die Gäste: Das „Unperfekthaus“ direkt neben dem Limbecker Platz versteht sich als Angebot für Kreative, bietet Räume, offenen Gedankenaustausch, ist Kontaktbörse für neue Unternehmen. Sein Gründer, Reinhard Wiesemann, weist selbst eine schillernde Biografie auf. Erste Erfindungen als Schüler in einer Garage und Beteiligungen an diversen innovativen Firmengründungen brachten einen wirtschaftlichen Erfolg, der ihm heute die Möglichkeit gibt, anderen eine Basis für unkonventionelle Entwicklungen zu bieten.

Der Abend bot jedoch den gesamten Bogen zum Thema Lebensläufe: Christoph Zeckra, bei Generali Deutschland für das gesellschaftliche Engagement des Konzerns verantwortlich, beschrieb die Entwicklung der „normalen“ Lebensläufe aus den 60er Jahren. Die damals übliche Dreigliedrigkeit, Kindheit (bis zum Schulabschluss), Erwachsenenstatus (Berufsausbildung und -ausübung, meist in nur einem Betrieb in Wohnortnähe), Rentenzeit (bei der damaligen Lebenserwartung nur wenige Jahre bis zum Tod) hat sich grundlegend gewandelt.

Die Übergänge zwischen Ausbildung und Arbeit, aber auch zwischen Erwerbstätigkeit und Erwerbsunterbrechungen werden fließend. Viele kehren aus einer Erwerbstätigkeit in eine Ausbildung zurück. Unterbrechungen der Erwerbstätigkeit und Wechsel der Berufe werden Normalität.

Die Globalisierung hat bereits einschneidende Veränderungen in der Arbeitswelt mit sich gebracht. Arbeitsplatz- und Wohnortwechsel prägen die Erwerbsphase ebenso wie die Digitalisierung. Neue Kommunikations- und Informationsstrukturen lassen auch neue Arbeitsformen und Produktionskonzepte entstehen. Unternehmen rekrutieren temporäre Arbeitskräfte, die auf die jeweils benötigten Leistungen spezialisiert sind. Eine scheinbar größere Eigenständigkeit des Arbeitnehmers reduziert aber auch die Sicherheit und Planbarkeit in dieser Lebensphase. Unternehmen werden gegründet und wieder aufgelöst. Qualifikationen werden gefragt und verlieren wieder an Bedeutu ng. Wir werden uns daran gewöhnen müssen, unsere Arbeitszeit nicht mehr allein an einen Arbeitgeber und an einem Ort verkaufen zu können.Es wird vermehrt darauf ankommen, die eigene Qualifikation schnell geänderten Arbeitsmarktsituationen anzupassen.

Die ständig steigenden Lebenserwartungen haben eine Nacherwerbsphase entstehen lassen, die länger dauert als die Jugendzeit. Es wird darauf ankommen, die Fähigkeiten und das Potential der Alten zu nutzen. Sie suchen mehr und mehr herausfordernde Aufgaben mit positiver gesellschaftlicher Wirkung.

Für die weltweit steigende Zahl der Migranten führt der Wechsel des Kultur- und Sprachraumes zu noch ganz anderen Brüchen in der Biografie. Im Ursprungsland erworbene Qualifikationen werden nicht anerkannt, der soziale Status kann wegen sprachlicher, wirtschaftlicher und gesetzlicher Hemmnisse nicht gehalten werden. Für sie gilt in ganz besonderem Maße: Und immer wieder aufstehen!

Zwei Gäste, junge Männer aus dem Iran und aus Syrien, schilderten eindrucksvoll ihren Lebensweg: die Startschwierigkeiten, ihr Engagement in nur wenigen Jahren die deutsche Sprache so gut zu erlernen, dass Sie ihre in der Heimat begonnene Ausbildung hier wieder aufnehmen, bzw. in ihrem Beruf langsam wieder Fußfassen.

Zwei erfolgreiche Essener Unternehmer berichteten, wie sie teilweise schon in der Schulzeit aus ihrem Hobby einen Beruf machten, neue Firmen gründeten, aus jeder erdenklichen Idee eine Unternehmung entwickelten, aber auch Phasen der notwendigen Neuorientierung nutzten, die eigenen Fähigkeiten und Wünsche zu hinterfragen, ganz neue Wege einzuschlagen.

Ali Can, Deutscher mit türkischen Wurzeln, Lehramtsstudium, hat aus seinem Bedürfnis nach Toleranz und gegenseitigem Verständnis der Kulturen eine Lebensaufgabe entwickelt. Sein soziales Engagement hat ihm den deutschen Jugend-Demokratiepreis beschert. Er hat dem Thema ein Buch gewidmet und mit Reinhard Wiesemann betreibt er den Aufbau des “ Vielrespektzentrums“ in Essen.

Kristina Wendland wechselte aus der Referatsleitung eines Unternehmens ins Stiftungsmanagement und bietet heute als Bildungsexpertin im Talenthaus vor allem Jugendlichen Orientierung bei der Berufswahl.

Die Gäste faszinierten mit ihren lebendig präsentierten wechselvollen Karrieren und Lebensläufen die Zuhörer und lieferten die Beispiele für eine rasante gesellschaftliche Entwicklung, die unser Leben beeinträchtigen wird.

Der Lionsclub Essen Cosmas et Damian hat sich seit seiner Gründung 2002 dem Interkulturellen Dialog verschrieben und demonstrierte mit dieser Veranstaltung eindrucksvoll, dass sich seine Mitglieder intensiv mit gesellschaftlichen Entwicklungen auseinandersetzen und das soziale Engagement des Clubs auf einer gründlichen Analyse der Probleme unserer Gesellschaft basiert. Mit der Förderung des Projektes „sprich!“ an der Gertrudiskirche im Nordviertel unterstützt der Club gezielt die Sprachentwicklung von Migranten und mit der Durchführung von Förderkursen an der Gesamtschule Nord wird Jugendlichen der Übergang ins Berufsleben erleichtert.